Verfasst von: Jutti_down_under | April 20, 2008

Uhrzeit versus Ereigniszeit – Das Leben auf der Insel

20. April

 

Inzwischen bin ich (seit 2 Tagen) auf Koh Lanta – theoretisch mit dem Auto 2 Stunden von Krabi entfernt, de facto aber – wenn man es versäumt hat, beim Buchen seiner Überlandfahrt Detailfragen zu stellen – 4,5 Stunden von Krabi entfernt. Davon allein 45 Min. Wartezeit auf die Fähre. Eingequetscht in einen Minivan war diese Fahrt ein besonderes Erlebnis. Jutti mit 10 Thais in einem Wagen – da taucht man dann endgültig ins pralle thailändische Leben ein. Von der zierlichen Omi mit ebenso zierlicher Enkeltocher, über ein junges Pärchen und einen sehr, sehr lustigen Ladyboy bis hin zum korpulenten Seemann und einer total aufgedonnerte Frau war alles dabei. Eine Art Bevölkerungsquerschnitt, zusammengepfercht auf 1,5 qm. Nach 3 Stunden hätte der Spaß auch vorbei sein dürfen, aber ich musste mich in thailändischer Geduld üben. Es sollte weitere 1,5 Std. bis zur Ankunft dauern. Ich war echt entnervt und fing an, leise Flüche von mir zu geben. Verstand ja eh keiner. Kein Thailänder käme je auf die Idee, sich n so einer Situation zu beschweren oder gar auf die Uhr zu schauen. Und so lerne auch ich langsam (und – zugegeben – eher ungelenk und widerspenstig) mich nicht mehr in der präzise getakteten Uhr-Zeit zu bewegen, sondern in der lebensnahen Ereignis-Zeit. Die Zeit braucht manchmal Zeit.

 

Und konkrete Ereignisse können den Tagesablauf genauso gut, wenn nicht besser bestimmen wie ein blödes Zeitmessgerät. In Burundi, Afrika, lese ich gerade in einem Buch, verabreden sich die Leute, indem sie sagen: „Wir sehen uns, wenn die Kühe trinken gehen“. Ob das nun eine Stunde früher oder später als erwartet ist, interessiert keinen. Wenn die Kühe zum Trinken hinausgehen, dann ist der richtige Zeitpunkt gekommen. Ist doch ne klare Sache. Und wenn man ganz präzise sein will, sagt man: „Wir treffen uns in der zweiten Hälfte der Zeit, in der die Kühe zum Trinken draußen sind.“ In Teilen Madgaskars antworten die Menschen auf die Frage, wie lange etwas dauert, mit Sätzen wie: „Die Zeit, die man zum Reiskochen braucht“ (also etwa 30 Min. oder „Die Zeit, die man zum Anbraten einer Heuschrecke braucht“ (also einen kurzen Augenblick). Gefällt mir! Da braucht`s keinen Minuten- oder Sekundenzeiger.

 

Aber nochmals zurück nach Bangkok. Am 3. Tag des Songkran-Festes habe ich die Stadt pfiffigerweise verlassen. Ich hatte vor Beginn des Festes (da wusste ich ja noch nicht wie wild es zugehen würde!) auf dringliches Anraten der gesamten Hotelcrew relativ überstürzt noch einen Flug nach Krabi und Unterkünfte im nahen Ao Nang und auf hier auf Koh Lanta gebucht. Und damit ich die Massenbewegungen zu Land und in der Luft nach Ende des Festes vermeide, habe ich halt mittendrin das Weite gesucht. Ein weise Entscheidung – ich habe Bilder der Rückreisewellen im TV gesehen…..

 

Früh morgens ging es durch äußerst bizarre Songkran-Müll- und Kreidelandschaften zum Airport und dann für 40 Euro mit Asia Air nach Krabi. Von dort mit einem Van nochmals 1 Stunde nach Ao Nang, ein kleines Küstenörtchen, das touristisch leider komlett erschlossen und erschossen ist. Eine absolut herrliche Landschaft, aber die Promenade zugedonnert mit billigen Ramschwaren-Souvenirläden und anderem Zeug. Und alles „same, same“ – übrigens ein geflügeltes thailändisches Wort, wenn es um Grössenangaben und Preise geht. Irgendjemand mit gutem Humor hat daraus sogar ein Modelabel gemacht: „Same, same“ steht da im Kragen von T-Shirts.

 

Meine Unterkunft war unmittelbar am Strand, an dem ein Ausbreiten des Handtuchs aber nicht möglich war, weil es dort vor Minikrabben, aber schlimmer noch grässlichen Sandfliegen, nur so wimmelt. Die Narben an meinen Beinen aus Waihi Beach sind noch nicht verblasst, also war ich schlau genug, dort nicht ins Wasser zu steigen.

 

Das Hotel Srisuskant war eins dieser ziemlich einfallslosen, 3-stöckigen 0815-Resort-Hotel mit kleinem Pool, aber glücklicherweise lag es ziemlich am Ende der Touri-Meile. In direkter Opposition zur besten Night-Beachbar in town. Megalaute Musik ab 11  Uhr abends bis 2 oder 3 Uhr morgens. Ich musste tatsächlich umziehen, weil ich in der ersten Nacht kein Auge zugetan hatte. So stellt man sich ein entspanntes Rumlungern in Thailand natürlich nicht vor. Von Bambushütten und Stille keine Spur. Aber gut: Selbst Schuld. Wer ohne Recherche hektisch irgendwas bucht, den bestraft das Leben. Inzwischen weiß ich, dass man hier am besten nur von einem auf den anderen Tag plant und bucht. You`ll never know – einfach in der Ereigniszeit leben. Und das ist auch möglich, denn der Thailänder ist defintiv ein „walk-in“-Typ. Einfach reinschneien, sagen, was man möchte und es wird irgendwie möglich gemacht. Flüge, Bustickets, Haarschnitte, Massagen, Maßanzüge, Ausflüge und Unterkünfte lassen sich so sehr unkompliziert und schnell organisieren. Gefällt mir sehr gut, dieses Sponti-Prinzip, kommt meiner aktuellen Reiseform sehr zu pass.

 

Von Ao Nang aus habe ich dann aber wunderschöne kleine Ausflüge mit den hübschen  Longtail-Booten (siehe nächstes Album) und einen Tagesausflug nach Koh Phi Phi Don und Koh Phi Phi Le gemacht, Die autofreien Schwesterinseln sind, neben Khao Lak, durch die schrecklichen Ereignissen des Tsunamis zu trauriger Berühmtheit gelangt. Die unberührtere, kleine Phi Phi Le (Naturschutzzone, unbewohnt) darüber hinaus, weil der Leo hier in „The Beach“ durch den weißen Pulversand gestapft ist und in der Lagune den Hai erledigt hat.

 

Und ja, es ist so kitschig schön, dass man fast lachen muss. Was für traumhafte Strände, was für ein türkisblaues, tolles Wasser, was für unglaubliche Felsformationen – unvergleichbar diese Landschaft. Das naechste Fotoalbum wird es zeigen.Da stockt einem mal wieder der Atem und das Herz macht kleine Sprünge. Aber auf Phi Phi Don ist kaum noch etwas von dem Backpacker-Hippie-Charme übrig geblieben. Es ist überhaupt doch recht schwierig, ruhige, ursprüngliche, ab er nicht vollkommen unerschlossene Ecken zu finden. So ganz allein, ohne jegliche Infrastruktur in einer Hütte auf einer Insel zu hocken, das wäre dann doch nicht mehr mein Ding, stelle ich fest. Zumindest nicht allein. Ich hatte eigentlich vor, das äußerste Ende einer ganz kleinen Insel namens Koh Jum aufzusuchen, aber die Einheimischen haben mir davon abgeraten, alleine so abgelegen zu wohnen. Es gibt nämlich noch Piraten, müsst Ihr wissen. Nein, das wohl nicht, aber so ganz sicher wäre das anscheinend nicht gewesen. Bislang hatte ich übrigens noch nicht das Gefühl, dass hier irgendwas nicht safe ist. Auch hier kann man als Frau gut allein reisen. Erstaunlich, wie oft ich in diesen 2 Monaten eine „You are very brave“ gehört habe. Es scheint immer noch sehr ungewöhnlich zu sein, die Welt im Alleingang zu erkunden. Und generell würde ich vermuten wollen, dass, wenn ein Mann an meiner Seite wäre, bestimmte Dienstleistungen nochmals eine andere Qualität hätten. Das war in Neuseeland und Australien auch so. It`s still a man`s world.

 

Koh (Koh=Insel) Lanta ist noch relativ unschuldig und zurückgelehnt, obwohl es auch hier der Tourismus schon kräftig zugeschlagen hat und es bereits viele Unterkünfte und größere Resorts gibt. Grundsätzlich ist es im äußersten Süden wohl  noch unberührter, Ich werde morgen versuchen herauszufinden, ob das stimmt. Aber es existieren, wie schon in Ao Nang, überhaupt keine Gebäude, die höher als  2 oder 3 Stockwerke sind. Und der frische Fisch in allen Varianten ist der Knaller. Gestern habe ich zum ersten Mal einen Papagei-Fisch gegessen. Köstlich! Und er hat mich gerade mal 8 Euro gekostet! Ein ganzer Fisch! Und vorgestern habe ich eine frische riesige Krabbe in Curry-Chili-Kokosmilch und leckerem Gemuese genossen – sagenhafte 3,00 Euro! Die nächsten Tage warten hier lustige Ausflüge auf mich. Einen kleinen Motorroller oder ein Auto werde ich mal für einen Tag mieten und einen organisierten 4-Islands-Hopping-Schnorchel-Tag einlegen. Und: Ich werde auf einem Elefanten reiten. Ja!!!

 

Im Jiddischen sagt man: Es ist gut zu hoffen, nur das Warten verdirbt es.

 

Mit diesem Gedanken schließe ich für heute.

 

Gute Nacht aus Thailand!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Antworten

  1. Liebe Jutti,

    wieder mal beindruckende Berichterstattung und ebensolche Bilder! – Und erstmals auf Deiner Tour kann ich sagen: „Da war ich auch schon..!“ – Und kann all Deine Ausführungen nur bestätigen. Erinnere mich insbesondere an den Ausbruch der „Masern“, von denen ich mich zum zweiten Male in meinem Leben überkommen fühlte, als ich noch nicht wußte, daß fiese, unsichtbare Sandfliegen die wahren Übeltäter waren. Auch das thailändische „Tempo“ kann ich nur bestätigen – neu ist für mich allerdings diese herrliche Zeitmessung, die ich wohl für Deutschland übernehmen werde: Hier ist in diesem Moment übrigens Sonntag, der 20.April, eine „Heuschrecken-Brateinheit“ nach 13.00 Uhr! Und ich glaube, wir haben erstmals, seit Du „on Tour“ bist, Sonne und frühlingshafte Temperaturen um die 17 Grad. Sollte Betz’ Balkon-Putz von gestern dazu beigetragen haben……? Wie auch immer – bist Du zurück bist, haben wir für Dich hoffentlich sommerliche Bedingungen herbeigezaubert. Paß’ aber noch schön auf Dich auf: Habe nämlich erst neulich im WDR (Die Sendung mit der Maus) gehört, daß es auf den thailändischen Inseln doch noch Piraten gibt……..! In diesem Sinne lieber Gruß und ein weiterer Glückwunsch an ANDJELA für eine offensichtlich erfolgreich verlaufene Sandbunkerflucht!
    Dein KD

  2. Hallo Liebchen,
    KaDe lebt eindeutig auf dem gleichen Breitengrad,
    wie ich. In Printenvalley und in der Kölner Südstadt schien heute die Sonne !!! Tätä!!
    Bitte mehr, es wird Zeit!

    Hoffentlich findest du noch ein nettes Eckchen, das deinen Bedürfnissen entspricht.
    Ich hatte ja so eine Befürchtung, war das letzte Mal vor zehn Jahren dort.
    Erst kommen die Hippies und dann rollt Neckermann an.
    Es gibt nicht mehr viele nette Eckchen auf unserem Planeten. Wie sind einfach zu viele!
    Ich bin aber überzeugt, das du noch dein Plätzchen finden wirst.

    Kleine Info zum Norden.
    Irene und ich hatten uns das goldene Dreieck irgendwie prickelnder vorgestellt. Nach stundenlangem rumgeknötter auf ner uralten Enduro, auf saugefährlichen Strassen, präsentierte sich das GD als zwei Souvenirshops.
    Nun ja, darauf einen Durschadöng.
    Wir waren in Chang Mai ( weiß nicht mehr, wie es geschrieben wird)
    Chang Mai war sehr nett, mädelstypisch im Kaufrausch. Auf dem Weg dorthin sind uns gigantisch abgerodete Flächen begegnet.Sehr bedrückend.
    Das hört sich jetzt aber abtörnend an, das war nicht das Ziel.
    Wie immer hat ja ein touristisches Inselchen auch noch ursprüngliche Ecken.
    Du wirst sie mit deiner Travelspürnase finden.
    Schnorchelboottrip hört sich gut an.Alles so schön bunt hier.

    Und Jutti endlich auf dem Elefanten.
    Das ist doch der Hauptgrund warum du nach Thailand gefahren bist, mmmhhh :)
    Ich sehe dich schon mit Elefant an der Leine aus dem Flieger steigen.Sitz und Platz hast du ihm bis dahin schon beigebracht.
    Bei Fuß wird schwieriger werden :)
    Ich gehe auf jedenfall Gassi mit ihm. Baden im Rhein und übernehme die Maniküre :)

    Schatzi, viel Spaß deine dich immer Betz


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